Es wäre nicht das erste Mal, dass der Autor sich auf die Kommentatoren stürzt und ziemlich unerbittlich ist. Nur sind es „normalerweise“ die Sportkommentatoren, welche seinen Unbill auf sich ziehen. Ob die Schachkommentatoren sich da etwas abgeschaut haben? Das Problem scheint immer wieder dies zu sein: „ich wurde ausgewählt, um als Experte zu fungieren. Demzufolge ist Unwissenheit nicht gefragt. Ich weiß alles – und im Zweifelsfall erkläre ich im Nachhinein, dass ich den Teil der vermeintlichen Unwissenheit lediglich aus Spannungsaufbau- oder Zeitgründen verheimlicht habe.“

Nun machen Miss Sopiko (auch als „Miss Tactics“ bei chess24 bekannt) Guramishvili im Verein mit Peter Svidler und dem später zugeschalteten Alexander Grischuk einen ausgezeichneten und reichlich, auch vom Autor, bewunderten Job bei der derzeit ausgetragenen Schachweltmeisterschaft, indem sie sich sogar hier und da selbst auf den Arm nehmen. Dennoch erscheint mir die Tiefstapelei oftmals nur recht aufgesetzt. Vergleichbar wäre dies etwa mit einem Rechenkünstler, welcher die 23. Wurzel aus einer 284-stelligen Zahl ziehen soll und nach zwei Minuten das Ergebnis ausspuckt: „74.338.665.374.602“. Woraufhin er korrigiert wird mit „nein, das ist falsch, das Ergebnis lautet 74.338.655.374.602“. „So once again I was wrong with that one.“, sagt er dann, in ziemlich falscher Bescheidenheit. Nein, derartige Fehlereingeständnisse sind nicht die, welche gefragt sind. Das ist Weltklasse – und ein derart winziger Fehler wäre mehr als nachsehbar.

Die Rede ist davon, dass ab und an ein „unerwarteter“ Zug kommt. Und wer, wenn nicht die Weltmeister, wären in der Lage, zwei weitere, aber etwas weiter unten angesiedelte Weltklassespieler, zu überraschen mit einer Zugentscheidung? Genau dies darf man sehr wohl auch in anderen Übertragungen vermissen. Der Kommentar müsste hier und da mal lauten: „That is, what makes these guys even better than we are.“ „Das ist, was sie sogar besser als uns macht.“ Denn: irgendeinen Grund dürfte es doch geben, warum Caruana gegen Carlsen spielt und nicht Svidler gegen Grischuk? Zumal sie ja sehr wohl entlastend ins Feld führen dürften, dass sie, außer der großartigen Rechenarbeit, welche sie in der Liveshow vollführen, trotzdem „so nebenbei“ zur Zuschauerunterhaltung eingeteilt sind und dieser, mit etlichen kleinen unterhaltsamen Anekdoten, sehr wohl gerecht werden? Der Unterschied wäre augenfällig: ein Supergroßmeister sitzt 20 Minuten am Brett, einzig mit der Stellung beschäftigt, während ein anderer Supergroßmeister 20 Minuten lang über alles Mögliche plaudert, ab und an aber auch die Stellung selbst ins Visier nimmt? Hier und da geht man auf vorherige Entscheidungen ein, auf entgangene Möglichkeiten, auf eine Entwicklung in der Partie selbst oder eine Vorgeschichte oder was auch immer.

Selbst wenn sie nicht immer den Zug erraten, welchen Caruana oder Carlsen aufs Brett zaubern, dann hätten sie also jede Menge Gründe, genau auf diesen nicht gekommen oder eingegangen zu sein. Sie hatten ja nicht einmal die Aufgabe, den „besten Zug“ zu finden. Sie wollten den Zuschauer unterhalten und ein paar Möglichkeiten diskutieren. Für den Laien wäre nicht der geringste Unterschied auszumachen, warum Carlsen oder Caruana spielen und nicht die beiden Kommentatoren. Die Eitelkeit scheint auch hier im Vordergrund oder zumindest im Wege zu stehen.

Ein konkretes Beispiel wäre anzuführen, um die vertretene Ansicht etwas plastischer zu machen, wobei in diesem sogar der Anteil „das ist, was sie so viel besser macht“ entfällt. Andererseits entfällt aus hiesiger Sicht nicht die Verpflichtung, sich für so eine Fehleinschätzung zu entschuldigen.

Dies die Stellung nach dem 18. Zug von Weiß, 18. Le2xf3. Selbst die Vorgeschichte war nicht besonders gut erzählt. Denn: Carlsen hätte erneut keine gute Eröffnungswahl getroffen und Caruana mehr oder weniger in die Karten gespielt, zugleich würde ihm Sveshnikov nicht liegen, was ihm hier vor Augen geführt würde. Schon ein wenig anmaßend. Noch mehr aber wurden Zugentscheidungen kritisiert, welche sehr wohl allerhöchsten Ansprüchen genügten. Dies aber eben nur das berühmte „Vorgeplänkel“.

In dieser Stellung meinte Peter Svidler, vermutlich, weil er in einer Dreiminutenbanterblitzpartie á tempo 18. … Le7-g5 gezogen hätte: „Bishop to g5 is an overwhelming favorite.” Und, hinzu fügte er, dass Grischuk ihm zwar unmittelbar recht geben würde, lediglich es bei ihm an der Aussprache hapern würde, indem er “overhelming” sagen würde. Dies noch ein wenig dreister als die Kritik an Carlsen. Er meinte zudem, dass er sich ziemlich zusammenreißen müsste, um Grischuk dann, nach diesem (Aussprech-)Fehler, nicht über den Mund zu fahren. Er beschäftigte sich sogar noch damit, einen Kollegen zu verunglimpfen (anstatt lieber sich selbst zu reflektieren).

Als Carlsen nach einigen Minuten noch immer nicht Svidlers Banterblitzzug ausgeführt hatte, begann er (Peter Svidler) allmählich, Alternativen zu untersuchen. Es kam ein ganzer Haufen von Zügen in Betracht, wie er wohl allmählich feststellte. (Sogar) Miss Sopiko meinte nach einer Reihe von Vorschlägen, dass ihr 18. … g7-g5 am besten gefiele. Svidler kam kaum jemals auf seinen ersten Spontaneinfall zurück. Carlsen spielte tatsächlich g7-g5 und auch Grischuk wurde genau in dieser Phase zugeschaltet und zeigte etwas später dann, aus der Erinnerung, eine noch hübschere Variante dieses Zuges g7-g5 in vergleichbarer Konstellation. Sogar in dem Moment noch, um den Befreiungszug f2-f4 zu verhindern. Dennoch war es keineswegs ungewöhnlich, den g-Bauern in Bewegung zu setzen.

Was stünde aus von Peter Svidlers Seite? Natürlich: eine Entschuldigung. Le7-g5 war der Zug, welcher als erstes ins Auge fiel. Mag schon sein. Aber ihn zum „haushohen Favoriten“ zu erklären war schlichtweg ein Fehler. Da bricht kein Zacken aus der Krone – kommt eher einer dazu – wenn man einen derartigen einfach mal eingesteht. Ähnlich (ärgerlich) ist es regelmäßig, wenn der gespielte Zug nicht in der genannten Zugauswahl auftaucht, aber im Anschluss jedes Mal von Svidler so kommentiert wird: „I should have mentioned this“, oder, ab und an mit „I forgot to mention it“. Jedes Mal bedeutet es: „Gesehen habe ich ihn natürlich und ebenfalls in Betracht gezogen und wenn die Zeit gereicht hätte, hätte ich ihn wohl nicht nur genannt sondern sogar am Ende zum Favoriten erklärt.“

Erinnert mich an eine Live-Kommentierung von Jan Gustaffsson. Dort hatte in einer Schnellpartie Kramnik eine Stellung auf dem Brett, in welcher Gustaffsson diagnostizierte, dass es nur den einen Zug gäbe. Es handelte sich um das Zurückschlagen einer Figur (vermutlich eines Bauern). Als Kramnik den Zug partout nicht ausführen wollte, wurde er irgendwann von Gustaffsson angezählt. Falls er in einer vorgegebenen Anzahl von Sekunden nicht ziehen würde, würde er aus Langeweile-Erwägungen zu einer anderen Partie weitergehen. Nur entkorkte Kramnik genau in diesem Moment eine unfassbare Kombi. Dies hätte möglicherweise der Bedenkzeitverbrauch indizieren können. Denn: warum sollte Kramnik SINNLOS eine derartige Menge verbrauchen? Insofern wäre die richtige Entscheidung in dem Moment gewesen: „Hier passiert etwas Besonderes, da müssen wir unbedingt drauf bleiben.“ Anstatt weiter zu gehen (wie es geschehen ist). Zumindest aber hätte im Anschluss eine Entschuldigung erfolgen müssen. „Ich war ausreichend dumm, um zu verkennen, dass wir und mit mir der Zuschauer einen sehr besonderen Moment verpasst haben. Und dazu noch: die Anzeichen waren deutlich genug, dass es einer wird. Mea culpa.“

Hier die (tatsächlich per Recherche und Erinnerungsvermögen gefundene) Stellung von der Schnellschachweltmeisterschaft 2015 in Berlin. Kramnik spielte mit Schwarz, Ivantchuk hatte Weiß. Gustaffsson wollte unbedingt den Zug b7xc6 sehen (mit Schwarz am Zuge, versteht sich; ein „Allerweltszug“, den nicht nur ein Großmeister wie er á tempo spielen würde). Kramnik spielte jedoch nach langem Nachdenken den Zug 1. … f4xe3. „Moments of brillance“. Oftmals gibt es diese nur in der Theorie, nur in Gedanken, nur in der Phantasie. Die brillante Kombination hätte sich nur entpuppt, wenn Ivantchuk den scheinbar sofort gewinnenden Zug 2. c6-c7 gespielt hätte. Darauf hatte Kramnik vermutlich geplant: 2. … e3xf2+ 3. Kg1-f1 e4-e3!! 4. c7xd8DD (ein Zug, der ZWEI Damen gewinnt ist schon recht selten) 4. … Ld5xg2+ 5. Kf1xg2 f2-f1D++# (die letztere Variante wesentlich schöner als das profane 4. … e3-e2#; wie im Buch von/über Bronstein „Der Zauberlehrling“ verlautete, würde er bei zwei möglichen Mattvarianten auch immer die schönere wählen, selbst wenn sie einen Zug länger dauerte; und auf den Zug c7xd8DD mit doppeltem Damengewinn mit einem Zug f2-f1 Dame, Doppelschach und Matt zu antworten hat doch ziemlich viel an Ästhetik?). Vielleicht sogar diese Stellung ein Diagramm wert?

Auch im Falle von 3. Kg1-h1 folgt 3. … e4-e3. Sowohl auf 4. Lg2xd5 als auch nach 4. c7xd8DD folgt 4. … f2-f1+ nebst Matt. Nicht viel besser ergeht es Weiß, falls er mit der Dame den Läufer schlägt: 4. Dc5xd5 Dd8xd5 und die Dame ist unantastbar, das Matt kurzzügig unvermeidbar (oder was sagen die Superhirne dazu?).
Dafür lohnt es schon mal, ein paar Sekunden oder auch Minuten zu investieren. Und für den Kommentatoren hätte es gelohnt, auf die Gedankengänge von Kramnik zu warten und bis zu ihrer Vollendung Geduld aufzubringen. Selber finden? Das wäre wohl kaum vorstellbar?!?!

Jan Gustaffsson erdreistete sich stattdessen eben, den Countdown auszurufen. „Komm, Vladimir, jetzt zieh schon, b7xc6, sonst gibt es nichts. Fünf, vier, drei, zwei, eins – und weg.“ Und später ging er gar nicht mehr darauf ein. Weil es ihm peinlich war oder gleichgültig oder er das Spektakel einfach rundherum verpasst hat? Schade drum!

Die Partiefortsetzung war übrigens 2. f2xe3. Ob Ivantchuk dies alles berechnet hat oder Kramnik vertraut hat? Da wäre ihm natürlich beides zuzutrauen. Die Partie endete etwas später mit Remis. Ein Riesenkompliment dennoch an Kramnik, eine so tiefe Kombination zu suchen, zu finden, dafür zu investieren – und wohl auch zu wissen, dass die Ablehnung der Gewinnfortsetzung (also nicht c6-c7 zu spielen) nicht das geringste Problem darstellt. Aber die Schachwelt hat er bereichert – am Kommentatoren und damit an vielen Schachenthusiasten ebenfalls vorbei. Hier wenigstens die lobende Erwähnung, die ihm unbedingt zusteht.

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