Seit Lukas Podolski wissen wir, dass Fußball wie Schach ist – nur ohne Würfel. Ist Schach auch wie Fußball?

Nun, zunächst darf man sich natürlich fragen, was Podolski eigentlich gemeint haben könnte. Als staatlich geprüfter Witzeerklärer darf ich gerne anmerken, dass dieses Zitat wohl ausschließlich verwendet wird, um den Nachweis zu erbringen, dass das Kölner Idol nicht nur an dieser Stelle reichlich wenig reflektiert daherredet. Gegenüber halten darf man aber, dass jeder so oder so irgendwie recht hat mit dem, was er sagt. Denn immerhin hat er es gesagt und irgendein Gedanke wird schon dahinter gewesen sein, der ihn inspiriert hat, der den das was auch immer Äußernde aus irgendeinem Grunde für äußernswert hält. Wobei ein Comedian sehr wohl und sehr häufig darauf achtet, dass ein besonders sinnfrei erscheinender Satz allein durch die erkennbare Sinnfreiheit für dadurch erhöhte Heiterkeit sorgen kann. Aber auch für den Comedian gälte : er hat sich etwas dabei gedacht, er hat sich sogar einige Mühe gegeben.

Podolski „in den Kopf gelegt“ (denn in den Mund zu legen brächte nichts; das hat er ja bereits selbst getan) behaupte ich: was er meinte ist, dass der heutige Fußball, so, wie er analysiert, zerlegt, aufbereitet, vorbereitet, durchgeführt wird, von der Ernährung bis zum Wimpeltausch, von den Einlaufkindern bis zur vom Trainer per Anruf überprüften Schlafensgehzeit, von den ein oder zwei festlichen Anlässen im Jahr, bei denen ein halbes Bier pro Nase zugeteilt wird, von der Vermarktung der Arenen über die Aufstellung, das System, die Formation, das Verbot an Lucio, die Mittellinie zu übertreten, die Nachanalyse im Sportstudio – all dies erinnerte ihn, als einen der letzten gebürtigen Straßenfußballer (nach Icke Häßler und Pierre Littbarski), viel eher an eine Schachpartie als an Fußball, wobei er gerne eingestünde, dass er davon so rein gar nichts versteht, dies aber nicht das Problem an der Sache wäre. Was er aber zugleich meinte: hier ist rein gar nichts mehr dem Zufall überlassen und so macht es eigentlich keinen Spaß mehr – in etwa, wie es ihm beim Schach erginge, wie er aber nur vermuten könnte. Das Zufallselement ist vorsätzlich beseitigt worden – wie beim Schach. Die Würfel können aber auch nur ein Indiz dafür sein, dass er unterhaltsam bleiben wollte und vielleicht gar einer Vielzahl von Menschen in Erinnerung bleiben möchte, wozu derartige „Zitate“ sehr dienlich sind; Mailand oder Madrid? Hauptsache Italien).

Magnus Carlsen war in der Pressekonferenz nach der 9. Partie des Wettkampfes – und dem neunten Remis – angeblich schmallippig und genervt. Nun, die Überleitung wäre damit fast schon gelungen: was hat Schach denn nun wirklich mit Fußball zu tun? Auch andere große Persönlichkeiten taten sich hervor mit erinnernswerten Sprüchen. Einer, an dem sich Podolski (mühsam bis schwerfällig) orientiert haben dürfte war Otto Rehhagel. Otto Rehhagel war auch einmal genervt in einer Pressekonferenz. Werder Bremen hatte über Jahre hinweg den Bayern Paroli geboten. Nur gab es „mal wieder“ ein Spitzenspiel, welches von den Kommentatoren groß angekündigt wurde als ein Highlight der laufenden Saison – und den hohen Erwartungen angeblich nicht gerecht wurde. Irgendwann in den späteren Achtzigern, was aber unerheblich ist. Die Kommentatorenschar versammelte sich nach Schlusspfiff und ließ kein gutes Haar an dem Spiel. Die Trainer mussten antworten. Das Spiel endete 1:1 und war NICHT das angekündigte große Spektakel. Wenige Torszenen, viele Zweikämpfe. Wie auch immer. Angeblich in etwa so, die Fragen : beide waren schwach. Warum?

Irgendwann platzte Rehhagel der Kragen. Immerhin war das Spiel in München und das 1:1 für seine Mannschaft viel eher als Erfolg zu werten. Was soll nun die ganze Maulerei? Er fuhr die nörgelnden Frager an: „Der Fußball, den ihr sehen wollt, den gibt es gar nicht.“ Rumms. Das saß. Wobei die Medien daraus natürlich machen, was sie Lust haben. Aber Rehhagel ist ziemlich schadenfrei rausgekommen (anders als die Bayern-Bosse, denen jüngst alles auch mal über die Hutschnur ging; die unberechtigte Kritik an Weltstars vor allem war es).

Was hat Rehhagel nun gemeint? Es ist ganz einfach: wenn man einem guten Stürmer einen ebenso guten Abwehrspieler gegenüberstellt: wie soll der bessere Stürmer dann an diesem besseren Verteidiger vorbeikommen? Diese Situation wäre exakt vergleichbar mit einem Spiel zwischen zwei Mannschaften aus dem unteren Mittelfeld oder von zwei beliebigen anderen Mannschaften auf Augenhöhe: es ist nicht etwa MEHR an Spektakel zu erwarten, wenn bessere Spieler aufeinander treffen.

Nun kommt aber eine Erwartungshaltung hinzu. Diese wird medial vorgegeben. Man hat so viele tolle Tore dieser beiden Mannschaften gesehen, nun treffen sie aufeinander und es steigert sich noch? Beiderseits mehr tolle Tore oder wie? Aber nicht nur die Erwartungshaltung an das Spiel selbst, sondern auch die Erwartungshaltung, welche in Druck übergeht. „Keiner darf verlieren, sonst ist es nach diesem Sechs-Punkte-Spiel enorm schwierig, den Anschluss zu halten.“ (Anmerkung: zu der Zeit gab es die unsinnige Drei-Punkte-Regel noch gar nicht; es war ein „Allerwelts-Vier-Punkte-Spiel“, was aber nicht viel änderte).

Kein Wunder also, dass es – nicht nur in diesem Spitzenspiel – nicht das so groß angekündigte Spektakel gab. Kein Wunder auch, dass Rehhagel dies endlich mal aussprach und – beabsichtigt – den Menschen klar machen wollte. Wobei er, sehr wohl und über Jahrzehnte hinweg als „Kind der Bundesliga“, vom Fußball ernährt wird und insofern das so heiß und innig geliebte Spiel auch nicht endgültig in Schutt und Asche reden wollte.

Carlsen war nicht etwa genervt, dass er keinen Hauch von Überlegenheit demonstrieren konnte bisher und auch nicht allein davon, dass eine weitere Partie remis endete – was für ihn das normalste aller Ergebnisse war. Wenn er von etwas genervt ist, dann ist es von den ganzen dämlichen Fragern, welche anscheinend „enttäuscht“ sind von dem, was uns auf dem Schachbrett geboten wird. All diese haben – wie bei einem Spitzenspiel im Fußball – eine falsche Erwartungshaltung, an welcher auch er anscheinend nichts ändern kann. „Das Schach, was ihr sehen wollt, gibt es gar nicht.“ Fußball ist GENAU WIE SCHACH. Hier keine Würfel, da keine Würfel.

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