Die Hängepartie Botwinnik – Fischer war das Ereignis der Schach-Olympiade in Warna 1962. Viele Zuschauer erinnerten sich an ein zuvor gegebenes Interview Fischers, in dem er behauptet hatte, dass er einen Wettkampf gegen Botwinnik gewinnen würde. Schon alleine aus diesem Grunde war es eine Partie, die sehr aufmerksam beobachtet wurde.

In der Nacht nach dem Partieabbruch analysierten zwei russische Analyse-Teams, unabhängig von einander, die Abbruchstellung. Zu dritt trafen sich Boleslawski, Spasski und Tal in einem Zimmer, Botwinnik, Geller, Keres und Furman analysierten in einem anderen Zimmer. Von Zeit zu Zeit suchten Tal und Spasski abwechselnd das andere Team auf, um sich über die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse auszutauschen. Am frühen Morgen war die Verteidigungsidee Gellers, 2 verbundene Freibauern gegen zwei vereinzelte Bauern bis in alle Einzelheiten ausgefeilt. Im russischen Lager war man sich sicher, dass die Partie remis enden würde.

Beim Frühstück sickerte die russische Einschätzung durch. Dies bekamen die US-Amerikaner sehr wohl mit, denn ihre Tische befanden sich direkt neben denen der sowjetischen Mannschaft. Unabhängig davon, verbreitete sich die Ansicht Botwinniks wie ein Lauffeuer unter den Teilnehmern. Wie wird man sich dann noch im amerikanischen Lager gefühlt haben, als vom englischen Tisch die Aussage “Die Russen sagen, dass Fischer vor dem Abbruch gewinnen konnte” zu hören war.

Nach der Rückkehr in die Heimat äusserte sich Michael Botwinnik über die Partie wie folgt: “Der Erfolg wird nicht nur durch das Talent bestimmt, sondern auch durch andere Eigenschaften, darunter den Charakter des Schachspielers … und an Charakter hat es Fischer immer gemangelt. Der Leser wird mir wahrscheinlich zustimmen, nachdem er sich unsere Partie angeschaut hat”.

Ich wünsche viel Spass beim Studium der Partie!

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