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Die Weltmeisterschaft ist vorüber. Bevor ich noch länger drüber nachdenke oder womöglich andere Stimmen höre soll der Text hier raus gehen. Mit der vertretenen Ansicht, eine ganz andere Sichtweise darauf zu haben – ohne die bisher denkbare und später unvermeidliche Überprüfung der Aussage.

Vorausgeschickt sei bitte noch, dass es mir gar nicht möglich ist, „parteiisch“ zu sein. Selbst wenn ich ein Fußballspiel über 90 Minuten schaue und eindeutig parteiisch wäre, beispielsweise durch eine Wette untermauert, dann kann sich diese Parteilichkeit leicht verstellen durch die gezeigten Leistungen oder auch durch denkbare Unsportlichkeiten, welche mich abrücken lassen von meiner ursprünglich auserwählten Mannschaft. „Nein, wenn die so spielen oder sich so benehmen, dann will ich gar nicht mehr, dass sie gewinnen.“

Anish Giri hat dies gestern (Mittwoch, 28.11.2018) genau so zum Ausdruck gebracht – zu meinem großen Erstaunen. In etwa, wie von mir zuvor gesagt: es mag sein, dass man vorab einen Favoriten hat, dem man sogar die Daumen hält, aber sich dies während des Matches ändert. Man gönnt es also plötzlich dem Gegner mehr, einfach weil dieser so gut gespielt hat oder sich irgendwie anders positiv in Erscheinung gebracht hat. Möglicherweise durch eine Einschätzung nach einer Partie, durch eine besonders gute Analyse, durch ein vorbildliches Auftreten, durch sein Brettverhalten. Viele Anhaltspunkte könnten da den Ausschlag geben. Ich schließe mich Giri an (sehr wohl behauptend, dass meine gleich lautende Aussage schon rein altersbedingt länger steht).

Falls es also eine hauchdünne Positionierung meinerseits vor dem Match gegeben hätte, dann wäre diese pro Carlsen ausgefallen. Dies hat jedoch sehr wenig mit der Wahrscheinlichkeit zu tun, welche ich sogar in einem Video (auf youtube zu finden) vorgerechnet habe (lediglich auf der Basis der Elo-Zahlen und der Matchdistanz basierend), sondern viel mehr damit, dass ich einmal einen längeren Text über Magnus Carlsen verfasst habe und dabei rund 2.000 seiner Partien nachgespielt habe, mit anwachsender Bewunderung, die sich teils durch seine wachsende Spielstärke ergibt (wenn man nämlich chronologisch, wie ich, beim Nachspielen vorgeht), teils aber auch durch das eigene wachsende Verständnis, wie er seine Siege eingefahren hat. Zuerst ist es einfach nur eine Schachpartie, wenn man aber genauer hinschaut, offenbaren sich einem möglicherweise ein paar Geheimnisse, die auf den ersten Blick verborgen bleiben.

Bei mir persönlich überwog während des Matches keineswegs die Enttäuschung. Wenn man sich einigen meiner Vorgängertexten widmet, wäre ich wohl derjenige, der am meisten dafür Werbung gemacht hätte, dass man eben genau nicht so viel zu erwarten hätte an Spektakel. Die Züge, welche die Beiden abwechselnd voneinander gefunden und ausgeführt haben, sind eher so, wie man sich in Hollywood ein Mauerblümchen vorzustellen hätte, welches sich im Verlaufe eines Kassenschlagers als die Schönheit schlechthin entpuppt. Hollywood kann so was natürlich, im richtigen Leben wird es etwas schwerer, aber es kommt vor. Die Frau und die Züge sind so: für den zweiten Blick. Dies mindert meine Bewunderung nicht, es steigert sie eher.  Sie haben großartig gespielt – und genau das spiegelt sich in einem Mangel an Spektakel wieder. Die Schönheit würde sich lediglich im Ausnutzen von Fehlern zeigen. Diese mögen sich sehr wohl in der Phantasie in berechneten Varianten abgespielt haben (die man selber leicht konstruieren könnte, die aber durchaus auch bei Großmeisteranalysen von Svidler und Grischuk, später mit Giri, aufs Brett kamen – aber eben nur auf dem Analysebrett). Diese beiden haben die ungünstigen Varianten, die schön hätten sein können in der Art, wie man verliert, vermieden. Das ist Weltklasse und mehr als das. So etwa, wie früher Jürgen Kohler einen Gegner fair abgrätschte und man somit nicht einmal eine Torchance, geschweige denn ein Tor, zu sehen bekam.

Im Verlaufe des Matches konnte sich keiner der Spieler absetzen. Sie spielten auf dem gleichen überragenden Niveau. Mal hatte der Eine vielleicht einen winzigen Vorteil, mal der Andere. Das Gleichgewicht sehr selten ernsthaft gestört. Die Computerbewertungen sind dabei heute mehr denn je – das Niveau des Computers einfach zu hoch – untergeordnet. Man müsste es am Brett spüren. Und das war nicht der Fall. Wobei auch hier eine Winzigkeit den Ausschlag hätte geben können, dass sich urplötzlich und sogar durch Zufall ein Vorteil verdichtet. War aber nicht.

Nun der Stichkampf. Und eigentlich sollte sich der ganze Text nur damit beschäftigen. Das zu erwartende Urteil der Gemeinschaft dürfte so ausfallen: „Am Ende gewinnt halt der Bessere.“ Wie auch immer und was auch immer darüber nun für ein Unsinn geäußert werden dürfte, die hier vertretene Ansicht ist eine alternative und der Glaube recht fest, dass sie abweicht von anderen.

Es hat der Flügelschlag eines Schmetterlings den Ausschlag gegeben und nicht etwa die höhere Befähigung. Es hat nicht der Bessere gewonnen, es hat der Glücklichere gewonnen. So, wie ich beim Elfmeterschießen nie einsehen werde, dass es etwas mit Nerven oder mit Klasse zu tun hätte. Man holt die Würfel raus und sagt: „Gerade oder ungerade.“ Einer nimmt dies, der Andere das. Ach, der Andere hat gewonnen (diesmal England). Passiert, nach dem Zufallsprinzip. Und genau so war es auch hier.

Die erste Partie im Stichkampf hat die Entscheidung gebracht. Es war die erste entschiedene Partie, und zugleich der Schmetterlingsflügelschlag in die Carlsen-Richtung. Die Partie verlief genau so wie etliche zuvor im Wettkampf. Auf gleichermaßen hohem Niveau. Für mich diese Partie sogar auf noch höherem. Dazu möchte ich nur kurz diese beiden Stellungen vorstellen:

Dies die Stellung NACH dem gigantischen Zug 12. Sc3-a4. Wer einen solchen Zug findet, steht eben zurecht an der absoluten Spitze der Welt. Denn: im Studio wurden alle möglichen Vorschläge gemacht von den drei Supergroßmeistern. Auf diesen Zug ist keiner gekommen. Und – vermutlich, da sie ihn nicht selbst gefunden haben und Eitelkeit das Prädikat Nummer 1 unter Schachspielern bleibt – haben sie auch seine Überlegenheit ihren eigenen Zügen gegenüber nicht anerkannt, nicht genannt, nicht zu schätzen gewusst. Es war, aus ihrer Sicht, demnach „ein Zug wie jeder andere“. Das ist er aber nicht. Einen solchen Zug zu finden war jenseits der Kommentierenden. Aber es ist ein Zug, der den Unterschied macht. Der Springer am Rand – schon lange kein Kriterium mehr. Aber dieser leistet so ziemlich alles, was man von einem partieentscheidenden Zug nur erwarten kann. So gewinnt man Schachpartien und möge bitte keiner der genannten Großmeister dies, auf konkrete Anfrage hin, bestreiten. „Das ist, was Carlsen so viel besser macht. Deshalb sitzt er hier und nicht ich. Punkt.“

Was leistet der Monsterspringer dort, was ihn so stark macht? Er überwacht alle Felder, die Schwarz gerne betreten würde. An hauptsächlichen seien genannt: b2, b6 und c5, auf welche der Springer b8 gerne mal würde. Im Verein mit dem Läufer, der gleich auf e3 auftaucht, macht er diese Felder sogar bei Gelegenheit betretbar.

Nur ist dies eben nur die Hälfte der Geschichte und der Flügelschlag hat noch gar nicht stattgefunden. Denn: Carlsen würde damit JEDEN SPIELER DER WELT besiegen. Außer jenen ihm gegenüber, der ihm nämlich ebenbürtig ist. Denn: Caruana ist auch mit diesem Zug klar gekommen. Er hat dies ganz locker abgefedert und hätte eigentlich so gut wie erneut Carlsen eine Nase gedreht. Denn: alles schien so phantastisch zu laufen für Carlsen und man könnte keinen seiner nachfolgenden Züge auch nur ansatzweise kritisieren, da sich, für jeden Sterblichen, der Vorteil einfach so verdichtete, dass nur noch ein Weißsieg in den Karten stand. Nur eben nicht für seinen Gegner. Man landete, mehr oder weniger zwangsläufig, in dieser Stellung hier:

Der Bauer wird erobert, mindestens, man konnte e6 und d4 kassieren, dazu mit Schach, und die Fesselung auf der d-Linie? Die unendlichen Abspiele aufzuzeigen, welche ab nun Svidler, Grischuk und Giri –- damit sehr wohl ihre eigene überragende Klasse demonstrierend – aufs Brett zauberten ist beinahe müßig. Das Ergebnis war aber in etwa so: „So gut Carlsen auch bisher gespielt hat und so nahe wir ihn dem Sieg wähnten: die Stellung ist Remis.“

Genau so schien es Carlsen am Brett zu ergehen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein? Wie hat dieser Magier das hinbekommen? Alles sieht nach Einbahnstraße aus – und egal, was ich hier nun mache, es wird Remis? Der Bedenkzeitverbrauch signalisierte die gewonnene Erkenntnis: Carlsen hatte alles durchgerechnet und es blieb ihm ein schales Nichts. Aus Ökonomieerwägungen aber auch, da nichts anderes fruchtete, ging er in das Turmendspiel mit 24. Lc4xe6+ Kg8-f8 25. Td1xd4 Kf8-e7 26. Td4xd7 +. Mag sein, dass man doch noch einen Rest an Hoffnung hat, aber im Grunde war ihm klar: auch diese ihm durch einen Teil Zufall und einen noch größeren Teil Geschick (Sc3-a4!!) zugespielte Stellung mündete erneut im Niemandsland.

Dass er am Ende dennoch den Sieg davontrug, war dann erst der erwähnte Flügelschlag. Nicht nötig, hier überhaupt eine Stellung anzugeben. Weiß kann nicht schlechter stehen nach dem Abtausch auf d7, keine Frage, aber es kann auch nicht zum Sieg reichen – so waren sich die Kommentatoren ebenso einig. Der Turm auf b2 zu stark, der weiße König kommt nicht raus, der schwarze König ist bereits im Zentrum.

Elfmeterschießen ging an Carlsen. Stattdessen gab es früher im Fußball den Münzwurf. Der wurde wohl abgeschafft, weil der Zuschauer die fallende Münze nicht sehen konnte? Köln verlor übrigens damals, 1965, gegen Liverpool. Im Münzwurf. Nach dem dritten Unentschieden. Deutschland – England. Zum Glück wurde bald das Elfmeterschießen eingeführt…

Die zweite und dritte Partie lohnen kaum, erwähnt zu werden. Offensichtlich kann sich niemand vorstellen, wie es ist, mehr als zwei Wochen lang Tag und Nacht darüber nachzudenken, wie man gegen diesen Gegner eine Partie gewinnen könnte/sollte. Die Praxis gibt einem jedes Mal recht: es geht eben nicht. Nun, nach Ablauf dieser Zeitspanne fliegt ein Schmetterling vorbei – und man hat verloren anstatt zu gewinnen. Weil es einfach passiert, weil es einfach passiert ist. Nun aber alle Kräfte bündeln und zurückschlagen? Zumal der Gegner zugleich weiß: ab jetzt genügt mir noch viel mehr eine ausgeglichene Stellung.

Fotos: Niki Riga

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