“Mister Staunton, es ist mir eine große Ehre …”

Staunton – Wiki

“Was wollen Sie?”

“Sie als bester Schachspieler der Welt …”

“Ich kenne Sie nicht.” Er will sich wieder abwenden.

“Äh, ja. Also, Sie als bester Spieler sind bekannt für Ihre eher langsame Art zu ziehen …”

“Was fällt Ihnen ein? Schach ist eine Kunstform, oder vielmehr, durch mich eine Kunstform geworden. Die Kunst erwartet Hingabe, Respekt, innere Versenkung und kein blitzartiges Dahingepfusche, wie es dieser Baguette-Meister Saint Amant …”

“Auf den komme ich später zu sprechen, wenn Sie gestatten.” Eine huldvolle Handbewegung gab grünes Licht. “Gelesen habe ich kürzlich, dass ausgerechnet Sie sich im Turnier zu London 1851 über einen Spieler beschwerten, der sogar noch langsamer als Sie zog, so dass …”

“Nun hören Sie mal zu, junger Mann. Ich bin Howard Staunton. Wenn ich einem Dahergelaufen diktiere, in welchem Tempo er zu ziehen habe, dann wird er das gefälligst tun. So aber dauerte die Partie acht Stunden und bei uns im Pub wird pünktlich gesof… gegessen.”

“Nunja, acht Stunden waren mindestens in den 1970er Jahren völlig normal …” Staunton schnaufte. Empört. “1843 noch berichtete der Kaffeehausspieler “General” Alexandre Deschapelles, Ihre Partien mit Pierre Saint-Amant im Pariser Café de la Régence hätten durchschnittlich neun Stunden gedauert.”

“Entschuldigen Sie mal, das waren Franzosen!” Ich wechselte das Thema.

“Nach Ihrer Ära wird es bei einer Schach-Weltmeisterschaft immer wieder zu Streitereien über die Regeln kommen, also über die Bedenkzeit, die man dann genau messen können wird”, Staunton wurde blass, “über die Gage, die Zahl der nötigen Siege für den Titelgewinn, …” Mir fiel ein, dass die erste Schachuhr erst gegen Ende von Howies aktiver Zeit zum Einsatz kam.

(Anmerkung des eingeschüchterten Reporters: In den 70ern galten gewöhnlich 2,5 Std. für 40 Züge = max. 5 Std., plus 1 Std./20 = 2 weitere Std., plus Analyse-Pause von 30 Min., plus Hängepartie = 1 Std., insgesamt also nicht selten 8,5 Std. Es gibt umfangreiche Untersuchungen – erstmals 1911 von T. R. Dawson – aus wie vielen Zügen eine Schachpartie maximal bestehen könne, wenn ein Spieler bei der ersten Gelegenheit Remis nach der 50-Züge-Regel reklamieren würde. Es sind 5.899 Züge (Geht nicht. Passt doch gar nicht aufs Formular …! -rm-). In der Praxis kommen derart lange Partien nicht vor. Bekannt ist die Partie Ristoja – Nykopp, FIN 1971, als man sich nach 300 Zügen und knapp 15 Stunden Spieldauer auf Remis einigte. (Mit genügend Kaffee und ausreichend Frikadellen mit prima Zwiebeln: Kein Problem! -rm-)

“Mr. Staunton, man bemühte sich zuletzt, Weltmeisterschaften für das Publikum noch interessanter und kürzer zu gestalten, indem man in den letzten, entscheidenden Runden Partien austragen ließ, in denen die Spielern sehr, sehr wenig Zeit hatten. Man konnte das inzwischen sehr genau messen. Benötigten sie länger, hatten sie die Partie eben verloren.”

“Was für ein Unsinn!! Man wird Schach-Weltmeister, indem einfach nur schneller zieht als der andere Spieler? Was hat denn das mit dem Sinn des Spiels zu tun? Warum haben sich die Spieler auf so etwas eingelassen?”

“Das weiß ich leider auch nicht. Vermutlich hat man sie mit Geld gezwungen.”

“Geht es den Schachspielern noch immer so schlecht? Sie müssen wissen, ich sammele gerade Geld für diesen Loewenthal, damit der arme Schlucker sich die Fahrt hierher zum Turnier London 1851 leisten kann.” Er streckte auffordernd die Hand aus. Was soll man machen … Jedenfalls: Zum Schach gehört eine ausreichende Bedenkzeit. Verkürzt man die, hat man irgendein anderes Spiel, das lustig sein kann, aber es ist eben kein Schach.”

“Man nennt es heute Blitz”, warf ich ein. Hätte ich lieber nicht getan. Sein verächtlicher Blick verfolgt mich noch heute.

“Wie sollen Sie denn mit etwas, das zu dem zu Disput stehenden Gegenstand gar keinen ernsthaften Bezug aufweist, eine dafür geltende Entscheidung herbeiführen? Warum dann nicht gleich ein Münzwurf? Oder Kaffeesatz-Lesen? Und glauben Sie, dass so ein Unsinn der Ermittlung eines Schachweltmeisters würdig sei?”

Während ich noch über eine Antwort grübelte, legte er nach: “Wer jemanden herausfordert, muss gegen ihn gewinnen, um ans Ziel zu gelangen. Daraus folgt logisch … Logik kennen Sie, junger Mann? …, dass bei einem Gleichstand nach einer vorher festgelegten Partienzahl der Weltmeister auf seinem Thron verbleibt. Leuchtet sogar Ihnen das ein?”

In der Tat, so ist es ja auch immer gewesen. Warum eigentlich wurde das geändert?

“Noch einmal zurück zu Saint-Armant. Der war doch ein ernsthafter Konkurrent für Sie?”

Konkurrent?? Nunja, Sie sind noch jung …” Er klebte ein herablassend verzeihendes Lächeln über seinen Schlipsknoten. “1843 habe ich diesen … Franzosen quer durch Europa über die Schachbretter gejagt und diesen parfümierten (er schneuzt sich) Pseudo-Halbadeligen 13-8 besiegt. Hat denn irgendwer später je wieder von ihm gehört? Nein. Ich habe ihn ja schachlich total … naja, egal. Debellatio, sage ich nur. Der Bursche war eben nur irgendein Amateur, ein Weinhändler und vermutlich auch Weinsäufer, lebte vermutlich in einem Weinfass …”

“Das war ein Anderer, so ein alter Grieche”, werfe ich ein und ernte eine wegwerfende Handbewegung. “Sie gelten heute in Ihrer Nachwelt als hochfahrend, reizbar, eingebildet und arrogant, Mister Staunton. Gerade Ihre Partiekommentare etwa in “The Chess Players Chronicle” weisen darauf hin. Ist Ihnen das erklärlich?

Er springt auf und wirft einige Gläser an die Wand. “Ich?? Reizbar?? Wie kommen Sie denn darauf?? In Ihrem Land werden Sie einmal einen Arzt mit einem erfundenen Doktor-Titel haben, der mir auf erfreulichste Art nacheifern sollte, dieser … Sigi Tarrasch. Wunderbarer Mann. Hätten uns gut verstanden. Formulierte auch immer klar und zurückhaltend, so wie ich, eben ein Gentleman. Zusammen hätten wir diesen Weltmeister Lasker abgeräumt. Mein Rat an Sigi wäre gewesen: Mach, dass es aussieht wie ein Unfall …”

Schachuhr um 1890 HAC Tanner httpsru.zipy.co.ilpebayrare-antique-chess-clock-timer-w-e-tanner-circa-1890272958355149

“Genau, Weltmeisterschaft. Darauf wollte ich hinaus. Sie waren als stärkster Spieler nach dem, jaja, ich weiß schon, also nach Ihrem vernichtenden Sieg gegen Monsieur Saint-Amant eigentlich Schach-Weltmeister. Leider gab es diesen Titel damals noch gar nicht.”

“Der Kerl war ein Parfümierter mit Diplomatenpass, und er starb irgendwo bei Algier, nachdem die Franzosen dieses staubige Land so gut es ging ausgeraubt hatten.

[Anmerkung der Redaktion: Pierre de Saint Amant war Diplomat, eine wichtige, faszinierende Persönlichkeit und starb 1872 nach einem bewegten Leben in der Festung Hydra bei Algier. Weil Staunton 1874 starb, könnte der arrogante Engländer also sehr wohl von dessen Ende erfahren haben]

“Sie haben sich also auch später noch um ihn gekümmert. Das ist nett.” Das Wort ließ ihn zusammenzucken. “Dieses Match mit diesem … äh … parfümierten Franzosen gilt heute vielen Menschen eben doch als erste Schachweltmeisterschaft.”

Staunton wirkt in keiner Weise überrascht und blättert betont nebenher in einem seiner Werke über Shakespeare. “Ja, natürlich … ich war – und bin – ja auch der beste Schachspieler der Welt. Ich habe, addiert man meine Anmerkungen zu Partien in Zeitungen, Büchern etc., grundlegende Schachlektionen geschaffen, an die sich noch Generationen … Und ich hatte es deshalb nicht nötig, mich selbst zum Weltmeister zu erklären, diese Peinlichkeit habe ich diesem kleinen Vollbart aus Tschechien, Österreich und der USA überlassen. Der wusste doch noch nicht mal, in welches Land er gehört!”

Er grinst und gießt uns noch einen nach. “Steinitz Entourage stopfte sich derweil mit Wetten auf dessen Partien die Taschen voll; er selbst und sein Gegner übrigens auch. Und damit das immer so weiterging, haben sie diesen possierlichen Burschen in den reichen USA flugs zum “Champion of the World” erklärt.”

Ich zu ihm, im Verschwörerton: “Hätten Sie doch auch machen können.”

“Ich selbst? Kapieren Sie einfach nicht, dass ein englischer Gentleman wie ich zu jeder Zeit würdevoll, zurückhaltend und bescheiden ist? Sich selbst zum Weltmeister zu erklären … undenkbar, so was. – Und Sie meinen, das ginge?”

Von einer Sekunde auf die andere verändert sich seine Gesichtsfarbe Richtung Osram und er brüllt los: “Jedenfalls tauchte hier plötzlich dieser … dieser Stutzer Morphy aus irgendeinem Sumpf in New Orleans auf und alle Welt lag ihm zu Füßen, nur noch ihm! Der dürre Kerl kommt aus einem Land ohne jede Kultur, ohne Dichtung, mit – ich bitte Sie – Ureinwohnern mit Pfeil und Bogen – und hier im alten, anständigen Europa, wo mit Messer und Gabel gemord… äh … gegessen wird, soll so einer ein Star, ein Magier, gar ein Schach-Künstler sein??” Seine mächtige Stimme ließ das Geschirr im Schrank beben. Im Disco-Beat. “Hier gilt’s der Kunst!

“Zurück zu dem, was Sie Bedenkzeit nennen, junger Mann. Natürlich ist das mit diesen ganz schnell gespielten Partien zum Entscheid eines Matches mit sowieso nur knapp ausreichender Bedenkzeit eine komplett unsinnige Idee. Wahrscheinlich von einem Franzosen. Parfümiert.” Er schneuzt sich wieder.

“Ach, da wir gerade reden, junger Mann”, murmelt er so übers Taschentuch rüber: “Anscheinend ist mein Name ja noch bekannt. Wie steht es denn um meinen Gefährten Adolf Anderssen, der in diesen Tagen einen runden Geburtstag gehabt hätte und das natürlich von mir organisierte erste echte Schachturnier London 1851 gewann? Auch das war ja eine Art erste Weltmeisterschaft? Dass dieser … Lasker in Ihrer Zeit nicht enden wollend in drei, vier Vereinen gefeiert wurde, habe ich wohl bemerkt. Aber Adolf! So ein netter Kerl! So nette Partien! So …” Er brabbelte noch weiter, als ich ihn längst nach draußen auf die nächtliche Straße geschoben hatte. Der Nebel Londons schluckte seine Schritte. Rasch verlor ich ihn aus den Augen.

+ +

Angemerkt sein soll: Staunton hatte mit der “Staunton-Form” der Schachfiguren genau so viel zu tun wie Bismarck mit den Heringen, nämlich gar nichts. In beiden Fällen handelte es sich um eine reine Marketing-Maßnahme; Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck stand, anders als in meiner Vorstellung, in seiner Freizeit eben nicht am Holzfass mit der stinkenden Salzlake und schnippelte nur so zum Zeitvertreib die Zwiebeln mit rein.

Das “Staunton-Gambit” hat er aber tatsächlich erfunden und zeigte es zuerst wohl 1846 in der elften Partie im dritten Match mit Bernie Horwitz, das immerhin Mark Weeks (The Week In Chess) insgesamt als “inoffizielle Weltmeisterschaft” bezeichnet, womit Bernhard Horwitz auf die Liste rutscht – nämlich auf die jener Personen, mit denen man sich *eigentlich* einmal genauer befassen müsste:

 

Quellen:

https://www.djk-aufwaerts-aachen.de/rus-schachbegriffe.html

http://www.chessarch.com/archive/1843.11.14_St._Amant-Staunton/index.shtml

https://www.mark-weeks.com/chess/wcc-indz.htm

http://www.edochess.ca/matches/m114.html

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