Kult um Lasker

Von Stefan Löffler – Bis 1921 muss man zurückgehen, seit letztmals ein Deutscher um die Schachweltmeisterschaft spielte. Emanuel Lasker stellte sich in Havanna seinem damals schon übermächtigen kubanischen Herausforderer José Raul Capablanca. Ein paar Jahre zuvor, 1908, gab es sogar ein deutsches WM-Duell zwischen Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch, das sie teils in Düsseldorf, teils in München austrugen. Weil der Geburtstag des einzigen kanonisierten deutschen Weltmeisters 150 Jahre zurückliegt, hat ihm der Deutsche Schachbund unter seinem vorigen Präsidenten und mit Segen des Weltschachbunds dieses Jahr gewidmet. Die Veranstaltungen und Veröffentlichungen nehmen schier kein Ende. Dutzende Vereine organisieren Veranstaltungen zum „Lasker-Tag des Schachs“.

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Vom Internet-Spieler zum Vereinsmeister!

Josua hat´s geschafft! – Ein Bericht von Bernd Rosen: Wenn das keine Blitzkarriere ist! Vor nicht mal drei Jahren tauchte ein junger Mann an einem Freitagabend in unserem Spiellokal auf: Nein – in einem Verein habe er noch nie gespielt, Schach im Internet erlernt und bis jetzt auch nur online erprobt. Schnell stellte er fest, wie viel Vergnügen es bereitet, gegen “echte” Menschen zu spielen, gemeinsam zu analysieren und zu fachsimpeln. Und wir bemerkten sofort, dass uns da ein außergewöhnliches Talent ins Haus geschneit war. In seinem ersten Jahr konnten wir ihm in der bereits laufenden Saison den Regeln gemäß

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Armenischer Doppelsieg und österreichische GM-Norm beim deutschen Schachgipfel in Lettland

Eine beeindruckende Phalanx junger, starker Großmeister aus Deutschland stellte sich beim RTU-Open in Lettland der Konkurrenz. Blübaum, Donchenko, Svane, Schröder, Kollars – eine Reihe von (Fast-)2.600ern, die bezeugt, dass an der Spitze der deutschen Rangliste seit einiger Zeit die jungen Wilden nach oben drängeln. Jeder aus diesem Quintett wäre ein Kandidat für den „Deutschen Schachgipfel“, der ab 2019 eine Etage über der Deutschen Meisterschaft ausgespielt werden soll. Deren 2018er-Auflage lief in Dresden parallel zum RTU-Open, aber in Riga erwarteten die Teilnehmer stärkere Gegner und ein drei Mal so hoher Preisfonds (15.000 Euro). Das größte Stück vom Preiskuchen schnitten sich zwei Armenier ab. Robert

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Ein Skandal, der keiner sein müsste: Geht die Deutsche Meisterschaft endgültig über den Jordan?

Die nationale Meisterschaft sollte eine Leuchtturmveranstaltung eines jeden Sports sein. Beim Schach war sie das hierzulande vor vielen Jahren, aber zuletzt glich die Deutsche Meisterschaft eher einem Trauerspiel, bei dem sich kaum einmal die besten deutschen Großmeister ans Brett setzten. Nun, da der Deutsche Schachbund den Modus umkrempeln und an glorreiche frühere Zeiten anknüpfen will, kommt ihm eine Affäre dazwischen, die den geplanten Neustart im kommenden Jahr schwierig macht. Und nicht nur die Deutsche Meisterschaft steht auf der Kippe. Auch die Zukunft der Amateurmeisterschaft, ein Erfolgsmodell mit tausenden Teilnehmern jährlich, und anderer Turniere steht auf der Kippe. Schon Anfang Juni am Ende

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Zurück in die Zukunft: Iljumschinows Hintertür

Nach 23 Jahren geht die Ära des FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow zu Ende. Am Freitag zog der Kalmücke wie erwartet seine Kandidatur für eine erneute Präsidentschaft zurück. Aber weg ist Iljumschinow noch lange nicht. Als Verbündeter des Kreml-Kandidaten Arkadi Dworkowitsch könnte er weiter im Weltschach mitmischen. Dworkowitsch hofft sogar darauf. Vor 23 Jahren hat Iljumschinow tatsächlich den bankrotten und in Auflösung befindlichen Schach-Weltverband mit Finanzspritzen am Leben erhalten. Danach etablierte er ein System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten, das ihm erlaubte, über die Organisation und deren zentrale Figuren beliebig zu verfügen. Kein Wunder, dass die beiden anderen Präsidentschaftskandidaten Nigel Short und Georgios Makroupolos„Iljumschinow muss weg“ zur zentralen Botschaft ihrer Kandidatur gemacht

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Kater im Klub

Stefan Löffler – Leuven, Paris, vorher Berlin und Stavanger, demnächst St Louis. Die Schauplätze wechseln, die Protagonisten bleiben die gleichen: Sie heißen Anand, Aronjan, Caruana, Karjakin, Mamedscharow, Nakamura, So und Vachier-Lagrave. Binnen der letzten vier Wochen haben sie 72 Turnierpartien mit klassischer, schneller und Blitzbedenkzeit gespielt – ganz überwiegend gegeneinander. Zu diesem elitären Klub gehört eigentlich auch Grischtschuk, der einmal nicht dabei war und daher 18 Partien weniger auf dem Buckel hat. Im August erwarten diese neun Profis nochmal 36 Turnierpartien. Wieder fast nur gegeneinander. Sechs der Genannten trafen auch schon beim Kandidatenturnier im März je zweimal aufeinander. Am Sonntag

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Fabiano Caruana, der Favorit der Herzen: „Die Schachwelt braucht einen Wechsel“

Das WM-Match zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana ist wegen der misslichen Umstände im Weltschach gefährdet. Dennoch beschäftigt sich noch niemand ernsthaft damit, dass es tatsächlich ausfallen könnte. Viel zu groß ist die Freude auf den ersten WM-Kampf seit langem, in dem der Herausforderer mit Macht auf einen frühen Knockout drängen muss. Auch Caruana selbst fiebert dem Match entgegen: „Bis dahin ist alles andere zweitrangig.“ Die Teilnehmer der Grand Chess Tour, darunter viele Teilnehmer des Kandidatenturniers, die selbst Magnus herausfordern wollten, fiebern dem Match ebenso entgegen wie der gemeine Schachfan. Beim Grand-Chess-Tour-Stopp in Paris haben die versammelten Weltklassespieler jetzt die Chancen des Herausforderers geschätzt und sich

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Alles schon dagewesen!

Das Ziel des Spiels hat sich in den vergangenen 500 Jahren nicht geändert: Mattsetzen.  Aber dem Schachspieler haben sich unzählige neue Wege eröffnet, dieses Ziel zu erreichen. Manchmal machen die Meister von heute Züge, die für die Meister von gestern wie Anfängerschach aussehen. Hier zum Beispiel. Erst deckt der Schwarze seinen e5-Bauern mit …Ld6, obwohl das den d-Bauern und damit die Entwicklung des anderen Läufers behindert. Dann entwickelt Weiß einen Springer an den Rand, und Schwarz zieht sogleich mit einer schon entwickelten Figur ein zweites Mal, auch ein Springer, und den zieht er natürlich ebenfalls an den Rand. Der gestrenge

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Vom Kreml an die Schachspitze?

Stefan Löffler – Russland will in der FIDE das Sagen behalten. Darum schickt der Kreml ein politisches Schwergewicht vor. Arkadi Dworkowitsch hat seine Kandidatur für die Wahl während der Schacholympiade im georgischen Batumi am 3. Oktober bekanntgegeben. Zehn Jahre war er die rechte Hand des früheren Präsidenten und heutigen Ministerpräsidenten Russlands Dimitri Medwedew. Bis Mai war Dworkowitsch selbst einer von dessen Stellvertretern. Derzeit steht der 45 Jahre alte Wirtschaftsexperte dem Organisationskomitee der Fußball-WM und Russlands IT-Schmiede Skolkowo-Stiftung vor. Aber es geht Russland sicher um mehr, als einem verdienten Staatsmann ein weiteres Amt zu verschaffen. Dworkowitsch soll wohl auch beitragen, das

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Fällt die WM wegen des FIDE-Chaos aus?

Carlsen-Manager Agdestein: „Im Moment ist nichts sicher“ Am 9. November in London soll das WM-Match zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana beginnen. Team Carlsen hat jetzt im norwegischen Rundfunk Zweifel angemeldet, ob das Match zustandekommt. Verträge mit den Spielern seien noch nicht unterzeichnet. „Was wir sehen, ist sehr unklar“, sagte Carlsens Manager Espen Agdestein. „Ich weiß es nicht“, antwortete der Weltmeister auf die Frage, ob er ein Scheitern seiner Titelverteidigung befürchtet. Die Organisation des WM-Matches mit seinem siebenstelligen Preisfond und erheblichem logistischen Drumherum obliegt zwar dem Schachveranstalter Agon, aber das beruhigt Carlsen und Agdestein wenig. Auf dem Papier ist Agon unabhängig, doch insbesondere

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Gegenkandidat mit dem Segen des Kremls

Er hat die Fußball-WM 2018 organisiert und war bis vor vier Wochen stellvertretender Ministerpräsident Russlands. Jetzt hat er Zeit für Schach. Arkadi Dworkowitsch steigt bei der kommenden Präsidentenwahl des Weltschachbunds FIDE als vierter Kandidat in den Ring – mit dem Segen des Kremls und des russischen Schachverbands Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow hat damit jegliche Unterstützung aus der russischen Föderation verloren. Beobachter erwarten, dass der seit 1995 amtierende Präsident nun seine erneute Kandidatur zurückzieht, aber das ist bislang nicht passiert. Bis vor kurzem war er noch trotz allen Gegenwinds durch Asien und Afrika gereist, um bei den dortigen nationalen Schachverbänden für seine erneute Präsidentschaft zu werben. Dieser Tage soll

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Die chinesische Mauer hielt, die Hüfte nicht

Das NorwayChess-Turnier wird als Wettstreit der Versehrten und Unwilligen in die Schachgeschichte eingehen, selbst wenn alle Teilnehmer die verbleibenden Runden verletzungsfrei überstehen. Erst wollte Fabiano Caruana gar nicht antreten, dann drohte Shakh Mamedyarov wegen Zahnschmerzen auszufallen, dann stürzte Ding Liren vom Fahrrad und brach sich sie Hüfte. Statt am Brett zu sitzen, liegt er nun im Krankenhaus. Von der längsten Serie ohne Niederlage ist Ding Liren gleichwohl noch ein gutes Stück entfernt. Und diese Serie gehört nicht, wie man meinen könnte, dem als „Schachmaschine“ bezeichneten Exweltmeister José Raúl Capablanca (1888-1942), der als kaum besiegbar galt. Zwar bliebt Capablanca von 1916 bis 1924 ungeschlagen, spielte in dieser Periode aber nur 63

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Warum eigentlich „Indisch“?

Als auf dem Kontinent die Waffen schwiegen, brach auf dem Schachbrett eine Revolution aus. Die „Hypermodernen“, angeführt von Richard Reti und Aaron Nimzowitsch, lehnten sich gegen die (vermeintlich) starren Lehren Steinitzs und Tarraschs auf. Beherrschen statt besetzen Den Kampf um das Zentrum führten diese jungen Wilden des Schachs mit ganz anderen Mitteln als ihre großen Vorgänger. Die hatten noch gefordert, von Beginn an das Zentrum zu besetzen. Nun luden Reti und Nimzowitsch ihre Gegenspieler sogar ein, sich mächtige Bauernzentren zu bauen, nur um diese dann unter Beschuss zu nehmen, bevorzugt mit fianchettierten Läufern. „Beherrschen statt besetzen“, war die zentrale These der Schach-Revoluzzer. Und so

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Leserservice: Leela installieren

  Den Zugriffszahlen auf unserer Seite nach liefern sich Leela, der AlphaZero für alle, und Vincent Keymer, der Stern am trüben deutschen Schachhimmel, ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die heißeste Schachgeschichte des Jahres 2018. Für Schachfans bietet das Schachprogramm gegenüber dem 13-jährigen Supertalent einen wesentlichen Vorteil: Während wir Vincent nur zuschauen und staunen dürfen, können wir uns Leela nach Hause holen und uns selbst mit ihr herumprügeln oder sie auf andere Software loslassen. Aber wie geht das? Weil uns genau diese Frage nun zum wiederholten Male erreicht, verweisen wir die Schar unserer Leser auf unsere Freunde von Chessbase. Deren Redakteur Albert Silver hat neulich nicht nur mit einem der Biohirne

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Turm hoch und aus! (III)

Anfänger lernen recht bald, dass Figuren unterschiedlich wertvoll sind: Die Leichtfiguren, Läufer und Springer, drei Bauern, der Turm fünf Bauern, die Dame neun Bauern. Diese Lektion hat unser neuer Schachfreund Şafak schon gelernt. Und weil er schlau ist, versucht er natürlich, sofort die starken Figuren ins Spiel zu bringen. Neulich war Şafak zum ersten Mal im Schachclub. Und er begann seine Partie so, wie es unter Anfängern oft zu sehen ist: 1.a4, gefolgt von 2.Ta3. Uiuiui. Diesen Unfug haben wir ihm natürlich sofort ausgetrieben, einen kleinen Vortrag übers Zentrum gehalten, außerdem diesen: erst die Springer raus, dann einen Läufer, dann den König

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Drogenrazzia beim isländischen Schachverband

Gunnar Björnsson ahnte nichts Böses, als er den Empfang des Pakets aus Spanien quittierte. Schachfiguren und Pokale – keine außergewöhnliche Sendung für den Chef des isländischen Schachverbands. Gerade hatte er begonnen, den Inhalt des Pakets zu sichten, da stürmte ein gutes Dutzend vermummter Elitepolizisten sein Büro in Reykjavik. An den Händen gefesselt, sah sich Björnsson sogleich einer intensiven Befragung zu seinen vermeintlichen kriminellen Machenschaften ausgesetzt. Wenig später landete er in einer Zelle der isländischen Polizei. Ja, Gunnar Björnsson leidet unter moderatem Übergewicht. Ein dicker Fisch, wie ihn die Ermittler an ihrer Angel wähnten, ist der gleichermaßen freundliche wie gesetzestreue Schachfunktionär nicht.

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Im Wohnzimmer des Weltmeisters: Bier, Bullet und Gangster-Rap

Schon vergangenen Monat kursierte der Scherz, Magnus Carlsen benutze Lichess als Bank. Wieder hatte der Weltmeister das monatliche Bullet-Turnier auf der Open-Source-Schach-Plattform gewonnen, und wieder hatte er sein Preisgeld für den Preisfonds der nächsten Auflage des Turniers gestiftet. Jetzt hätte beinahe jemand anderes sein Geld abgehoben. Großmeister und Bullet-Spezialist Andrew Tang führte das zweistündige Turnier eine Stunde und fünzig Minuten lang an, zeitweise mit so großem Vorsprung, dass ihm die gut 2.000 Dollar für den ersten Platz schon sicher schienen. „Keine Chance mehr. Jetzt muss ich sehen, dass ich wenigstens Zweiter werde“, sagte Carlsen, als das Turnier schon auf die Zielgerade eingebogen

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Ruhig bleiben! Vincent Keymer und die deutsche Sehnsucht nach dem großen Titel

Die Sehnsucht nach dem Titel, sie brennt. Vor fast 100 Jahren gab sich Emanuel Lasker beim WM-Kampf im fernen Havanna dem Kubaner  José Raúl Capablanca geschlagen. Seitdem tauchen in Schachdeutschland gelegentlich Hoffnungsträger auf, aber in unmittelbare Nähe zur Krone kam bislang nur einer. Nun soll es Vincent Keymer richten. Der 13-Jährige ist fraglos eines der größten, wenn nicht das größte deutsche Schachtalent seit Emanuel Lasker. Nur heißt das im internationalen Vergleich der Supertalente noch nicht allzu viel. Der Wettbewerb ist knapper und härter, als er jemals war, und in Deutschland zu leben, bedeutet für einen aufstrebenden Schachspieler alles andere als einen Standortvorteil. Schon in den 2020ern

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Der Schachsommer wird heiß: FIDE-Präsident Nigel Short?

Nigel Short will FIDE-Präsident werden. Das bestätigte der Brite jetzt der „Aftenposten“ (Abendpost), der größten Zeitung Norwegens. Die Ankündigung des ehemaligen WM-Herausforderers platzt mitten in eine Schlammschlacht zwischen Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow und seinem Vize Georgios Makropoulos. Short ist nach diesen beiden der dritte Kandidat, der seinen Hut für die Wahl im Oktober in den Ring wirft. „Das Schach verdient eine bessere Alternative“, sagt der 52-Jährige. Die Geschichte des Schach-Weltverbandes ist seit der Amtsübernahme des Philippino Florencio Campomanes 1982 reich an schmierigen Gestalten und substanziellen Krisen. Und doch ist die jüngste Misere ohne Beispiel, wahrscheinlich ebenso existenzbedrohend wie jene, als der Schachweltverband Mitte der 90er-Jahre am Ende der Campomanes-Ära

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Nicht unberührbar

Von Stefan Löffler – Ein Selfie mit Fabiano Caruana oder ein Autogramm von Vishy Anand? Kein Problem beim Grenke Classic. Man kann die Schachgrößen einfach vor oder nach dem Spiel abzupassen. Nur Magnus Carlsen war bisher kaum zu erwischen. Bis in der Karlsruher Schwarzwaldhalle die Runden begannen, verbarg er sich hinter der Bühne, und hinterher ging er dort auch wieder ab. Wer ein Foto mit dem Weltmeister wollte, musste bei einem Fotografen anstehen. Der hatte eine Blue Box aufgebaut und montierte Carlsen im Computer dazu. Am Brett dagegen zeigt sich der Norweger nicht unberührbar. Gegen Georg Meier übertrieb er das

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