Der absolute Champion

Zu Beginn der 40er Jahre des 20. Jahrhundert waren der Este Paul Keres und der Sowjetrusse Michael Botwinnik die einzigen Kandidaten, bei denen man annahm, dass Sie den amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin beim nächsten WM-Kampf gegenüber sitzen würden. Nachdem AVRO-Turnier 1938, welches Keres zusammen mit Fine gewonnen hatte, galt Keres als der erste Anwärter auf einen WM-Kampf, wie Michael Botwinnik viele Jahrzehnte später einräumte. Dennoch gelang es Botwinnik eine Vereinbarung über einen Kampf zu erzielen, welcher aber nie, vermutlich aufgrund der damaligen Zeitumstände, zustande kam. Als dann 1940 Estland von der Sowjetunion annektiert wurde, musste Keres zunächst einmal die Schliessung

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Warum Schach Gesichter braucht: ein Glanzsieg in Moskau und ein Ausflug ins Semi-Slawische

Vor 25 Jahren war Indien ein weißer Fleck auf der Schach-Landkarte. Heute ist Schach Volkssport, Visvanathan Anand eine Ikone, und Indien wird sehr bald die dominierende Schachnation sein. Vor 15 Jahren war Norwegen ein weißer Fleck auf der Schach-Landkarte, der allenfalls durch das Kuriosum auffiel, dass der beste Schachspieler des Landes auch in der Fußball-Nationalmannschaft spielte. Heute läuft im nationalen norwegischen TV stundenlang Schach, und Magnus Carlsen ist ein Volksheld wie hierzulande Boris Becker zu seiner besten Zeit. Im Carlsen-Sog entwickelt sich auch Norwegen zur Schach-Großmacht. Wer nach einem Grund sucht, Spitzenschach mit aller Kraft zu fördern, der muss nur nach Indien oder Norwegen schauen –

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Erste Feuerprobe für Fabis Russen: das finale Gefecht vor der Schlacht in London

Pünktlich zum WM-Match spürt Magnus Carlsen den Atem seines Herausforderers im Nacken. Vor der siebten Runde des Sinquefield-Cups war Fabiano Caruana in der Live-Weltrangliste so nahe an den seit sechs Jahren oben thronenden Carlsen herangerückt, dass ihm ein Sieg den Platz an der Spitze bescheren würde. Es war also ordentlich Druck im Kessel vor der letzten Partie von C&C vor ihrem Match in London. „Ich war nervös. Heute stand einiges auf dem Spiel“, räumte Carlsen nach der Partie ein; eine Partie, die zeigte, dass der Weltmeister unter Druck Bestleistung abzurufen vermag – zumindest für 26 Züge. Nun muss er daran arbeiten, die Spannung hochzuhalten, bis der

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Notationsfehler in Barcelona: Keymers verkannter Gewinn

Lacasta Palacio, Joaquim (2.102) – Keymer, Vincent (2.493) Barcelona, 17. August 2018 Schwarz am Zug gewinnt. (Auflösung am Ende dieses Beitrags) Das Sants-Open in Barcelona ist fraglos ein großartiges Turnier, allein schon, weil es in Barcelona stattfindet, eine Stadt, die auch ohne Schach-Begleitprogramm eine Reise wert ist. Aus deutscher Sicht war das Turnier von besonderem Interesse, weil so viele Deutsche teilgenommen haben und am Ende sogar ein Mitglied der Delegation aus Alemania gewann. Die Berichterstattung aus der Ferne war freilich nicht ganz einfach. Nur die zwölf ersten Bretter wurden live übertragen, und selbst bei denen stimmten gelegentlich die ins Netz gespeisten

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Ein Feuerwerk zu Sylvester

Hastings ist in jeder Hinsicht ein geschichtsträchtiger Ort. Zunächst war die Gegend um Hastings im Jahre 1066 Schauplatz einer historischen bedeutenden kriegerischen Auseinandersetzung, die die Geschichte der Insel schlagartig veränderte. Seit 1882 fanden dort immer wieder Schachturniere statt, die 1895 ihren ersten Höhepunkt hatten, als dort die damalige Weltelite ihr Stelldichein gab. Ab 1920 wurden dort jährlich zum Jahreswechsel Turniere abgehalten, zu denen auch ein Rundenturnier von Meisterspielern gehörte. Studiert man die Lister der Sieger, so findet man viele klangvolle Namen. Hierzu zählen die Ex-Weltmeister Euwe, Aljechin, Smyslov, Tal, Botwinnik, Karpov und Spassky, genauso wie die Schach-Grössen Keres, Kortchnoi, Gligoric, Bronstein, Reshevsky und viele andere.

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GM Gerald Hertneck

Gerald Hertneck, geboren 1963, erlernte das Schachspiel im Alter von 11 Jahren. 1976 trat er dem Schachklub SK Obermenzing bei. Erste Erfolge erzielte er mit dem Gewinn der deutschen B-Jugendmeisterschaft 1980, der internationalen Jugendmeisterschaft der Schweiz 1982 und der internationalen deutschen Jugendmeisterschaft 1983. Hierdurch wurden auch die grossen Clubs auf ihn aufmerksam, so dass er im gleichen Jahr zu den legendären Bayern wechselte, mit denen er 6 mal deutscher Manschaftsmeister (1985, 1986, 1989, 1990, 1991 und 1992) wurde und 1992 den European-Club (Europa-Pokal) gewann. 1992 folgte dann ein Wechsel zum Ortsrivalen Münchener SC 1836, für die er 6 Jahre lang spielte, zunächst in der 1. Bundesliga, ab 1996 dann in

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Erst den Faden, dann die Partie verloren: Keine GM-Norm für Vincent Keymer

„Ruhig bleiben“ hatten wir in einem unserer meistgelesenen Artikel gemahnt, nachdem Vincent Keymer das Grenke Open gewonnen und sich die erste von drei zum Titel notwendigen Großmeisternormen gesichert hatte. Als er dann in Dänemark sofort die zweite Norm nachlegte, wurden auch wir ein wenig nervös. Sollte es doch so schnell gehen? Würde das deutsche Supertalent beim Sants Open in Barcelona noch einmal eins draufsetzen? Drei Normen am Stück und den Titel gleich dazu? Als 13-Jähriger? Ruhig bleiben. Vincent Keymer wird Großmeister, vielleicht nicht mehr dieses, aber dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nächstes Jahr. In Barcelona jedenfalls (das Turnier läuft noch) wird es nicht reichen. Wie schon beim Open in Bamberg wackelte Vincent

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Spielen wie Gott mit sieben Steinen: die neue Endspieldatenbank von Lichess

Wie sehr die offene und freie Schach-Plattform Lichess die kommerzielle Konkurrenz vor sich hertreibt, haben wir im Lauf der vergangenen Monate mehrfach beleuchtet. In zumindest einer Hinsicht hat Lichess jetzt alle anderen abgehängt. Seit heute bietet Lichess Zugriff auf eine Sieben-Steine-Endspieldatenbank. Die gab es bislang nur an ausgewählten Stellen im Netz, und das nur gegen Bezahlung. Wer jetzt in Stellungen mit sieben und weniger Steinen auf dem Brett wissen möchte, wie Gott spielen würde, der kann das ab sofort gratis bei Lichess nachgucken. Vom ersten Weltmeister Wilhelm Steinitz (1836-1900) heißt es, er habe am Ende seines Lebens, als der Geist nachließ, Gott herausgefordert. Ob

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Die FIDE geht stürmischen Zeiten entgegen!

Von GM Gerry Hertneck – Der FIDE steht auf dem Kongress im Oktober eine Zeitenwende hervor: nach fast einem Vierteljahrhundert vollzieht sich ein Führungswechsel an der Spitze. Wir erinnern uns: im Jahre 1995 (!) bewarb sich ein junger Mann aus dem Land der Mücken im Alter von nur 33 Jahren um das Amt des Präsidenten; sein Name: Iljumschinow. Er wurde mit breiter Mehrheit gewählt, und konnte in den folgenden Zyklen sein Amt mehrfach erfolgreich verteidigen – unter anderem gegen die Ex-Weltmeister Anatoli Karpow (2010) und Garry Kasparow (2014). Was dann geschah, ist allgemein bekannt: er kam auf die Sanktionsliste der

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Geburtstagsturnier zum 40. von Andreas Breier (4. bis 5.8.2018)

Autor: FM Dirk Paulsen – Immer wieder stellt sich die Frage, sobald man sich an einen derartigen Bericht ransetzt, ob denn der „Ich-Bezug“ ausreichend groß ist, und, falls dies gegeben wäre, ob denn der Leser mit dieser Perspektive ausreichend viel anzufangen wüsste und es insofern ausreichend interessant zu werden verspräche? Die Entscheidung ist gefallen: ja, ich befleißige mich der Ich-Form. Der Bezug ist gegeben, er ist ausreichend groß, und zum Lesen kann, gerade heute in der Welt der Bilder, eh keiner mehr gezwungen werden (sämtliche Versuche der Lehrer meiner Kinder, dies zu tun, sind übrigens kläglich gescheitert; dies hat der Qualität der Noten

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Namen von Schacheröffnungen – Wer legt die eigentlich fest?

Englisch. Rubinstein-Variante. Lasker-System. Wenn man solche und ähnliche Namen für Schacheröffnungen hört, gibt es immer wieder ein Problem: Sie existieren doppelt und dreifach und zwar für völlig verschiedene Systeme. Die FIDE muss diese Entwicklung geahnt haben, als sie sich 1924 als Weltverband des Schachs in Paris konstituierte und ging dieses Problem der Eröffnungs-Benennung schon bald, 1933, mit verblüffendem Tempo und Tatkraft an. Namen von Schach-Eröffnungen – eine untergegangene FIDE-Kommission Darf eigentlich jedermann Eröffnungen irgendeinen Namen geben, den der Großmutter, den eines Gebäudes usw.? Natürlich. Wer könnte es Dir verbieten? Zur allgemeinen Verständigung und klaren Aufdrucken auf Büchern, DVDs etc. hat

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Eine richtungsweisende Partie

Fachkundige Kommentare zu der heutigen Partie gibt es viele, hier ein paar Beispiele: “Lasker spielte seinen Gegner, der über keinerlei Schutz gegen die Drohung c7-c5 verfügte, regelrecht schwindelig.” (Reti) “Nach 22.b4 ist die Sache kompliziert, da ab hier Laskers überlegenes Verständnis dominiert” (Dworetski) “Nach 22.c4 (nicht gespielte Alternative) ist die Stellung klar bestimmt  und Weiß fällt es leicht, der sich daraus ergebenden Spur weiter zu folgen.” (Dworetski) “Die Partie ist fraglos die bedeutendste Partie, die Lasker und Tarrasch je miteinander gespielt haben.” (Kasparov) Tarrasch selbst äußerte sich wie folgt: “Jede beengte Stellung (zu 4… d6) bedeutet das Anfang vom Ende.”

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Armenischer Doppelsieg und österreichische GM-Norm beim deutschen Schachgipfel in Lettland

Eine beeindruckende Phalanx junger, starker Großmeister aus Deutschland stellte sich beim RTU-Open in Lettland der Konkurrenz. Blübaum, Donchenko, Svane, Schröder, Kollars – eine Reihe von (Fast-)2.600ern, die bezeugt, dass an der Spitze der deutschen Rangliste seit einiger Zeit die jungen Wilden nach oben drängeln. Jeder aus diesem Quintett wäre ein Kandidat für den „Deutschen Schachgipfel“, der ab 2019 eine Etage über der Deutschen Meisterschaft ausgespielt werden soll. Deren 2018er-Auflage lief in Dresden parallel zum RTU-Open, aber in Riga erwarteten die Teilnehmer stärkere Gegner und ein drei Mal so hoher Preisfonds (15.000 Euro). Das größte Stück vom Preiskuchen schnitten sich zwei Armenier ab. Robert

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Ein frischer Wind

Von den ersten 4 Partien in Düsseldorf verlor Tarrasch drei, nur die Dritte gewann er. Als er nach den Ursachen für seinen schlechten Start gefragt wurde, verwies er auf die besonderen klimatischen Bedingungen der rheinischen Region. Dies war seitens Tarraschs nichts überraschend Neues, da er 13 Jahre zuvor, beim Turnier in Hastings ähnliches von sich gab, dort hatten ihm die Winde des Ärmelkanals nahezu eingeschläfert. Tatsächlich war jedoch ein ganz anderer Wind, nämlich die neuartige Wettkampfauffassung Laskers, schuld an diesem Phänomen. Lasker verstand es alle Aspekte eines Kampfes nicht nur zu betrachten, sondern auch in der Praxis umzusetzen. Durch das

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Fakten schaffen ohne Vertrag: das große Zocken vor dem großen Match

Stellen wir uns vor, fünf Monate vor Beginn der Fußball-WM hätte Oliver Bierhoff öffentlich gesagt, mit so einem Laden wie der FIFA könne man schlecht verlässlich zusammenarbeiten, und er habe Zweifel, ob die WM überhaupt stattfindet. Dann hätte sich der Manager des Weltmeisters geweigert, die Verträge zu unterschreiben, die die Teilnahme Deutschlands an der WM besiegeln. Beim Schach ist genau das passiert. Aber was beim Fußball Riesenschlagzeilen ausgelöst hätte, wird am Rande der 64 Felder mehr oder weniger ignoriert. Zwar hat sich der Manager des Weltmeisters öffentlich beschwert, zwar unterschreibt der Weltmeister den Vertrag nicht, aber alle halten still und hoffen, dass

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Ein Skandal, der keiner sein müsste: Geht die Deutsche Meisterschaft endgültig über den Jordan?

Die nationale Meisterschaft sollte eine Leuchtturmveranstaltung eines jeden Sports sein. Beim Schach war sie das hierzulande vor vielen Jahren, aber zuletzt glich die Deutsche Meisterschaft eher einem Trauerspiel, bei dem sich kaum einmal die besten deutschen Großmeister ans Brett setzten. Nun, da der Deutsche Schachbund den Modus umkrempeln und an glorreiche frühere Zeiten anknüpfen will, kommt ihm eine Affäre dazwischen, die den geplanten Neustart im kommenden Jahr schwierig macht. Und nicht nur die Deutsche Meisterschaft steht auf der Kippe. Auch die Zukunft der Amateurmeisterschaft, ein Erfolgsmodell mit tausenden Teilnehmern jährlich, und anderer Turniere steht auf der Kippe. Schon Anfang Juni am Ende

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Der lang erwartete Wettkampf

1908 verließ Lasker Amerika und kehrte nach Deutschland zurück. Hier kam es sehr schnell zu einer Vereinbarung, wonach ein WM-Kampf mit seinem unversöhnlichen Kontrahenten Tarrasch im August des gleichen Jahres beginnen sollte. Zu diesem Zeitpunkt waren stolze 16 Jahre vergangen, als einst Lasker Tarrasch zu einem Wettkampf aufforderte und eine Absage erhielt. Nach dem Turnier in Nürnberg 1896, wo Tarrasch gegen Lasker verlor, hatten die beiden keine Partie mehr gegeneinander gespielt. Tarrasch mied nach dieser Niederlage stets Turniere an denen Lasker beteiligt war, aus denen Lasker fast immer als Sieger hervorging. Tarrasch selbst bevorzugte andere stark besetzte Turniere, bei denen er auch nicht minder häufig siegte. Dies brachte ihm

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Im Eishockeystadion knapp am GM-Titel vorbeigeschrammt

Es fehlte nicht viel, dann hätte es seit diesem Wochenende einen Schachgroßmeister mehr in Deutschland gegeben. Einen Tag, nachdem sich IM Vincent Keymer in Helsingor seine zweite GM-Norm gesichert hatte, trumpfte beim Open in Pardubice IM Christopher Noe auf: 7 Punkte aus 9 Partien, Elo-Leistung 2.616 gegen einen Schnitt von knapp 2.400. Noe hat schon zwei Normen, dieses wäre seine dritte und damit der Titel, aber eine Feinheit im Regelwerk der FIDE sorgt dafür, dass sich der 22-Jährige vom SC Eppingen noch gedulden muss. Eine Leistung von über 2.600 und ein Gegnerschnitt von mehr als 2.380 über neun Partien allein reichen leider nicht aus. Außerdem

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Studiere Paul Keres!

Erst kürzlich hat mich ein Vereinskamerad, welcher meine Vorliebe kennt, auf 1.e4 mit 1… e5 zu antworten, gefragt: “Welche Partien soll ich hierzu studieren, die von Wladimir Kramnik oder Magnus Carlsen?” Meine Antwort überraschte ihn, denn diese lautete: “Studiere Paul Keres!”. Der Este, dessen Stern bei der Schach-Olympiade in Warschau 1935 aufging, ist für mich und auch für viele andere einer der ganz Großen, der die strategischen Feinheiten dieser vielseitigen Eröffnung, wie kein Zweiter zelebrierte. Dies haben viele starke Großmeister in ihrer Karriere leidvoll erfahren müssen, so auch der deutsche Großmeister Dr. Helmut Pfleger beim Turnier in Tallinn (1973). Das

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Der Raumvorteil

Wer auf breiter Front marschieren will, muss die Außenstürmer abtauschen Unser Faible für Siegbert Tarrasch ist Dir wahrscheinlich längst aufgefallen. Dem deutschen Schach-Lehrmeister verdanken wir Weisheiten, die bis heute bei jedem Schachturnier zu hören sind: „Türme gehören hinter die Freibauern“ etwa oder „Springer am Rande…“. Eben weil Tarrasch sich zum Schach-Lehrmeister berufen fühlte (und das zu Recht als Nummer zwei der Welt um die Jahrhundertwende), versuchte er stets, Schach-Wissen in derartige kleine Weisheiten zu verpacken. Gelegentlich ging das schief, da er im Sinne der Verdaulichkeit seiner Bonmots dazu neigte, Nebengeräusche und Zwischentöne zu überhören, um seinen Schülern stets ein möglichst

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